Nachgefragt – im Gespräch mit Sabrina Boenschen, Leiterin des Bildungsbüros im Landkreis Uelzen
Impulse aus der Praxis
21.09.2026

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Das Bildungsbüro im Landkreis Uelzen verbindet: Demokratiebildung mit der Zivilgesellschaft stärken
Der Landkreis Uelzen liegt im Nordosten Niedersachsens. Mit etwas über 90.000 Einwohner:innen zählt er zwar zu den etwas kleineren Landkreisen, seinem Engagement im Bildungsbereich steht dies aber nicht im Wege: Bereits vor 13 Jahren wurde hier ein Bildungsbüro eingerichtet – zu einer Zeit also als diese Strukturen in kleineren Gemeinden und Landkreisen noch nicht üblich waren.
Bemerkenswert ist auch, dass der Landkreis Uelzen Demokratiebildung als eines seiner Schwerpunkthemen in der kommunalen Bildungsverwaltung gesetzt hat. Über die Gründe, Ziele und den Aufbau eines Netzwerkes für Demokratiebildung haben wir mit Sabrina Boenschen, der Leiterin des Bildungsbüros, gesprochen.
Demokratiebildung ist kein klassisches Kernthema kommunaler Bildungsverwaltung – und dennoch hat der Landkreis Uelzen hier einen klaren Schwerpunkt gesetzt. Was waren die Gründe, dieses Thema aktiv aufzugreifen?
Unserem Landrat ist das Thema Bildung grundsätzlich sehr wichtig. 2013 hat er das Bildungsbüro im Landkreis Uelzen unabhängig von irgendwelchen Förderprogrammen initiiert –gleich mit 1,5 unbefristeten Stellen und der Kreistag hat dem zugestimmt.
2015 ist dann das Landesprogramm „Bildungsregionen“ dazugekommen, außerdem haben wir für vier Jahre am Förderprogramm „Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte“ teilgenommen, sowie fünf Jahre an „Bildung integriert“.
Demokratiebildung ist vor allem in der Corona-Zeit als Thema aufgekommen, durch die Einschränkungen der Grundrechte und die damit verbundenen startenden Entwicklungen der antidemokratischen Tendenzen in der Gesellschaft. Das Bildungsbüro oder vielmehr ich in meiner Person bin für dieses Handlungsfeld verantwortlich. Das Achten und Werben für die freiheitlich-demokratische Grundordnung ist ein fortlaufender Prozess im Landkreis Uelzen, so wurde es auch in einer politischen Vorlage festgehalten.
Wir haben grundsätzlich diese Haltung und wollen das Thema langfristig verstetigen. Unsere Zielsetzung dabei ist, Strategien und Maßnahmen zu entwickeln, um Demokratie zu fördern und extremistischen Tendenzen entgegenzuwirken.
Mit einem ersten Beschluss der lokalen Politik in 2021 wurde das Bildungsbüro beauftragt, eine Informationsübersicht über die vorhandenen Angebote im Bereich von Demokratiebildung zu erstellen, außerdem wurde die Kreisvolkshochschule (KVHS) gebeten, verstärkt Bildungsmaßnahmen anzubieten, gegebenenfalls auch unter Einbeziehung weiterer Akteur:innen.
Ende 2022 wurden auf Wunsch unseres Landrates für das Jahr 2023 weitere Haushaltsmittel bereitgestellt. Diese Mittel in Höhe von 10.000 € waren für zusätzliche Maßnahmen im Bereich Demokratiebildung bestimmt. Für deren Einsatz habe ich gemeinsam mit der KVHS zusammengearbeitet.
Zusätzlich wurde im März 2023 vom Kreistag ein zweiter politischer Beschluss gefasst, der eine Resolution für Vielfalt, Diversität und Toleranz beinhaltet.
Das Bildungsbüro hat das Netzwerk Demokratiebildung im Landkreis Uelzen initiiert und begleitet es aktiv. Wie ist dieses Netzwerk entstanden?
Bildungsmanagement bedeutet aus meiner Sicht vor allem zunächst, Netzwerk- und Kooperationsmanagement zum Thema X zu machen und zu schauen: Wo sind welche Bedarfe und wie können wir diese durch unsere Maßnahmen decken. Wir bauen ja nur dann Strukturen auf, wenn es keine vorhandenen gibt. Mein Ziel ist es, diese Netzwerke und Kooperationen auch strukturell aufzubauen oder zu stärken, denn ich möchte eine langfristige Wirkung erzielen.
Als ich das Netzwerk Demokratiebildung gegründet habe, war das Teil eines umfassenden Maßnahmenkonzeptes. Ich hatte für 2024 weitere zusätzliche Gelder vom Landrat bekommen, sodass wir 30.000 € zur Verfügung hatten. Um diesen Betrag gezielt ausgeben zu können, habe ich die Kreisvolkshochschule gefragt, ob sie den Prozess gemeinsam mit mir gestalten wollen. Dann haben wir ein Konzept mit mehreren Bausteinen entwickelt – wovon eines das Netzwerk war.
Ich habe damals auch mit den Kolleg:innen von Neustadt an der Weinstraße gesprochen. Sie haben uns in einer Videokonferenz ganz viele Fragen beantwortet und Hinweise gegeben: Zum Beispiel vor welchen Herausforderungen sie gestanden haben und wie sie diese gelöst haben. Das war sehr kollegial und hat uns wirklich geholfen.
Welche Akteur:innen sind am Netzwerk beteiligt?
Demokratiebildung umfasst viele Themen, die nicht klar voneinander abgegrenzt sind, da ist die Frage – wen lade ich zu einem Auftakttreffen ein – nicht so einfach zu beantworten. Ich habe deshalb zu Beginn erst mal sondiert, wer in dem Feld aktiv ist. Zum ersten Treffen habe ich dann Akteur:innen entlang der ganzen Bildungskette eingeladen. Als Grundlage diente da die unsere Broschüre „GEMEINSAM STARK!“ – DEMOKRATIEBILDUNG“ in der u.a. die lokalen Anlaufstellen dargestellt sind. Außerdem habe ich die Anwesenden gefragt, wer uns noch fehlt und diese dann angeschrieben.
Dies zeigt, dass uns alle willkommen sind. Wir haben die Gründung des Netzwerkes zusätzlich publik gemacht und Initiativen, Organisationen und interessierte Privatpersonen eingeladen, sich zu beteiligen. Das Netzwerk kann also immer noch wachsen.
Wie arbeitet das Netzwerk?
Meine erste Frage an die Beteiligten war: Brauchen wir überhaupt ein solches Netzwerk? Das war mir wichtig, denn wenn sich etwas verstetigen soll, braucht es eine intrinsische Motivation der Beteiligten.
Aus dem gleichen Grund habe ich bereits im Vorfeld abgefragt, welchen Mehrwert die einzelnen Akteur:innen in einem solchen Netzwerk sehen. So konnten wir sehr schnell konkrete Ergebnisse erzielen und haben bspw. direkt im zweiten Treffen ein gemeinsames Leitbild beschließen können.
Besonders wichtig ist mir, dass die Beteiligten Selbstwirksamkeit erfahren. Sie sollen aus den Treffen herausgehen und sagen können: Das hat mir heute wirklich etwas gebracht. Meine Rolle sehe ich dabei vor allem darin, Raum und Zeit für den Austausch bereitzustellen und die unterschiedlichen Positionen in dem Netzwerk zusammenzuführen, da es sehr heterogen zusammengesetzt ist.
Bei uns sitzen Menschen aus der Justizvollzugsanstalt, von klassischen Weiterbildungsträgern, aus Inklusionsprojekten, aus Behörden wie dem Fachbereich Migration und Teilhabe oder dem Regionalen Landesamt sowie Privatpersonen und zivilgesellschaftliche Initiativen an einem Tisch. Trotz dieser unterschiedlichen Perspektiven gelingt es ihnen, gemeinsam zu arbeiten. Ich finde es bis heute bemerkenswert, wie gut das funktioniert.
Worum geht es in dem Projekt EIN.KLANG?
Die Grundidee ist, einen niederschwelligen Zugang zum Thema Demokratie zu schaffen: Über gemeinsames Singen wird ein Zusammenhalt hergestellt. In einen sogenannten Kompositionslabor haben Menschen gemeinsam ein Lied für Frieden und Demokratie für den Landkreis Uelzen komponiert. Sie haben eine Melodie entwickelt, einen Refrain und auch eine Strophe. Außerdem konnten sich auch Menschen, die nicht an dem Kompositionslabor teilgenommen haben, mit Strophen bewerben. Am Schluss hatten wir 19 Einreichungen von Privatpersonen, von Schulklassen, von Kitas, von Chören, vom Kinderschutzbund.
Wie gelingt es, aus den gemeinsamen Treffen konkrete Projekte entstehen zu lassen?
Man könnte sagen, unser Netzwerk ist eine Art Plattform für Austausch und Vernetzung. Wir haben immer einen Slot, in dem Dinge vorgestellt werden, das kann ein Projekt sein oder ein Angebot. Danach haben wir eine Arbeitsphase – wie ein Open Space, wo alle Themen einbringen können.
Dabei ist auch das Projekt „EIN.KLANG“ entstanden. Es gab den Wunsch, das Netzwerk sichtbarer zu machen und das möglichst niederschwellig. Und so kam die Idee auf, es über Musik zu versuchen.
Greifen Sie Impulse, die Sie aus dem Netzwerk mitnehmen, in Ihrer weiteren Arbeit konzeptionell mit auf?
Das Netzwerk ist Teil meiner Arbeit. Durch die Bedarfsanalyse stellen wir sicher, dass wir nicht am Bedarf vorbeiplanen. Das gilt sowohl für die für die Planung der Sitzung selbst als auch für die zukünftige Ausrichtung, wobei ich da immer den gesamten Landkreis im Blick habe:
So hatten wir ein Jahr das Schwerpunktthema Extremismusprävention, im nächsten Jahr digitale Demokratiekompetenz und letztes Jahr haben wir aufgrund bundesweiter Tendenzen wie Beleidigungen, Bedrohungen oder in einigen schwerwiegenden Fällen körperliche Angriffe gegenüber Mandatsträger:innen auf kommunaler Ebene geschaut, dass wir konkret etwas für diese Zielgruppe anbieten. In zwei Workshops wurde der Umgang mit Hass, Gewalt und Anfeindungen als betroffene Person geübt, um dadurch die Resilienz und Handlungsfähigkeit der Mandatsträger:innen zu stärken.
Also, ich will damit sagen, die Impulse aus dem Netzwerk sind wichtig, gesamtgesellschaftliche Entwicklungen aber auch. Ich spreche in meiner Arbeit mit sehr vielen Akteur:innen bei uns im Landkreis und das fließt auch alles in die Planung mit ein.
Was haben Sie aus den vergangenen Jahren mitgenommen: Wo sehen Sie die größten Hebel für nachhaltige Wirkung, und was würden Sie anderen kommunalen Bildungsbüros empfehlen, die ähnliche Arbeit aufbauen möchten?
Ich glaube, es braucht von Anfang an einen langfristigen Plan: Eine Vision, was soll am Ende rauskommen. Und von da aus muss man rückwärtsgehen und mit den ersten Schritten anfangen. Das habe ich vorhin versucht deutlich zu machen: Ich wollte ein Netzwerk gründen, das langfristig und auch ohne eine Abhängigkeit zu meiner Person bestehen kann.
Ich sage es mal so: Eigentlich ist das der Klassiker im kommunalen Bildungsmanagement. Wir können den Einrichtungen keine zusätzlichen Ressourcen oder Geld zur Verfügung stellen und wollen aber trotzdem was von Ihnen – das funktioniert nur über Mehrwertdefinition.
Das ist der eine Aspekt. Der zweite: Das Netzwerk muss der gestaltende Akteur sein und ich nur diejenige, die den Raum bucht, die einlädt, die Absprachen trifft, das Organisatorische macht. Ich bin nicht die Chefin des Netzwerks. Ich moderiere und begleite, aber die Entscheidungsgewalt und Verantwortung liegt beim Netzwerk selbst.
Dies ist wichtig, weil in Kommunen immer mal neue Themen akut werden können, die bearbeitet werden müssen und die wichtige Ressourcen binden. Also zusammengefasst würde ich Bildungsbüros empfehlen, Strukturen aufzubauen, die sich langfristig von allein tragen.
Was steht als nächstes an?
Ganz klar die Fortführung des Netzwerkes Demokratiebildung.
Außerdem wollen wir die Verstetigung weiter vorantreiben. Die Personalressourcen, die wir für die Umsetzung des Konzeptes bei der KVHS angesiedelt hatten, sind mittlerweile teilweise verstetigt worden. Das heißt, die Kreisvolkshochschule hat jetzt selbst zusätzliche Ressourcen für das Thema. Das ist ein Riesenerfolg für die Kolleg:innen und ein großer Mehrwert für die Demokratiebildung im Landkreis.
Im November wird eine unserer Oberschulen eine Wanderausstellung zum Thema Gedenkstätte Bergen-Belsen präsentieren. Da planen wir jetzt gerade gemeinsam die Eröffnungsveranstaltung, da der Landrat die Schirmherrschaft übernommen hat. Die Ausstellung wird drei Monate im Landkreis bleiben und ich hoffe, dass sich auch noch weitere Akteur:innen zu diesem Thema engagieren werden.
Die Arbeit geht nicht aus?
Nein, langweilig wird es nicht, aber wird es nie im Bildungsmanagement. Ich mag meinen Job.



