Nachgefragt – im Gespräch mit Katharina Stahlhoven von der Bundesstiftung Baukultur
Impulse aus der Praxis
05.05.2026

Als FaBERID bearbeiten wir in unserem Schwerpunkt „Räume für Bildung“ u.a. Themen wir Dritte Orte, Mehrfachnutzung, Schulbau und Beteiligungsphasen beim Bildungsbau (Phase 0 und 10), in denen Kommunalverwaltungen eine wichtige und gestaltende Rolle spielen.
Die Bundesstiftung Baukultur hat 2024 das Schulbuch Baukultur herausgebracht, das unterdessen nicht nur in Schulen, sondern auch von Kommunalverwaltungen genutzt wird.
Wir haben nachgefragt: Was genau hat Baukultur mit Kommunalverwaltungen oder kommunaler Bildungslandschaft zu tun? Lesen Sie unser Interview mit Katharina Stahlhoven, Projektleitung Bereich Bildung bei der Bundesstiftung Baukultur.
Kapitel 1: Baukultur – Was ist das?
Was macht die Stiftung Baukultur?
Die Bundesstiftung Baukultur hat als unabhängige Stiftung des öffentlichen Rechts den Auftrag, Baukultur in die Gesellschaft zu vermitteln, also an alle Menschen in Deutschland – nicht nur an Fachleute.
Baukultur als Begriff ist komplex. Um baukulturelle Themen an die unterschiedlichen Zielgruppen zu bringen, hat die Bundesstiftung Baukultur deshalb verschiedene Methoden und Formate etabliert. Dies sind Diskussionen, Fachtagungen und Veranstaltungen, bei denen die Teilnehmenden zum Beispiel erfahren können, wie sie ihre direkten Nachbarschaften selbst mitgestalten können. Außerdem veröffentlicht die Bundesstiftung Publikationen zu verschiedenen baukulturellen Themen. Das Schulbuch Baukultur ist eine allgemeine, umfassende Publikation, die sich direkt an Kinder und Jugendliche richtet.
Kannst du den Begriff Baukultur für uns etwas konkreter beschreiben?
Baukultur hat mit uns allen zu tun. Einfach gesagt, ist Baukultur die Art und Weise, wie wir gebaute Umwelt gestalten. Dazu gehören auch gesellschaftliche Fragen, beispielsweise: Wer ist an der Gestaltung beteiligt?
Nehmen wir zum Beispiel ein Schulhaus. Ein modernes Schulgebäude hat zunächst helle, freundliche Räume, in denen sich Kinder, Jugendliche und alle, die in der Schule arbeiten, wohlfühlen. Es müssen gute Materialien verbaut sein, die wertig sind. Der Raum sollte möglichst nicht nur als Lernraum für ein Unterrichtsfach dienen, sondern im allerbesten Fall selbst lehrreich sein.
Außerdem gehört zu einer Schule beispielsweise auch ein gut gestalteter Schulhof. Hier sollten Kinder und Jugendliche die Erfahrung machen können, dass wir Grün in den Städten brauchen oder, dass Wasser etwas Wichtiges ist. Alle Themen der Nachhaltigkeit können hier aufgegriffen werden. Aber auch: Wie stehen wir im Kontakt mit der Nachbarschaft? Wem gehört der Raum? Wer darf schulische Flächen nutzen? Kann die Turnhalle abends vielleicht auch von anderen genutzt werden? Oder der Klassenraum?
Kapitel 2: Das Schulbuch Baukultur als Praxisanleitung
Das Schulbuch Baukultur soll genau bei dieser Erfahrung und bei dem Wissen darüber unterstützen. Wie kam es dazu?
Ich mache mal einen kleinen Schlenker: Die Bundesstiftung Baukultur veröffentlicht alle zwei Jahre einen Baukulturbericht – als Statusbericht zum Planen und Bauen in Deutschland mit jeweils unterschiedlichem Fokusthema. Die Baukulturberichte enthalten Projektbeispiele, Ergebnisse von Kommunal- und Bevölkerungsumfragen und Argumente aus Expertengesprächen sowie daraus resultierende Handlungsempfehlungen an Politik und Planende. Sie sind aber auch Berichte, die von Fachleuten für ihre Arbeit genutzt und von Studierenden zur Recherche eingesetzt werden.
Aus Erzählungen und Erfahrungen wissen wir, dass die Baukulturberichte mit ihren Infografiken und Fachtexten auch in der Sekundarstufe II an Schulen genutzt werden. Daraus entstand die Idee, auch etwas für jüngere Schüler:innen zu machen. Wir haben deshalb die Texte aus den Baukulturberichten noch weiter für diese Zielgruppe übersetzt: Also die komplexen Inhalte in einfache, griffige Texte umgewandelt und sie über Bildmaterial wie Fotos, Zeichnungen, Illustrationen und Infografiken ergänzt.
Das Buch wurde für Menschen ab elf Jahre konzipiert und umgesetzt. Jetzt ist das Buch seit eineinhalb Jahren in der Welt und es zeigt sich, dass es nicht nur in Schulen zur Anwendung kommt, sondern zum Beispiel auch in Kommunalverwaltungen, Behörden, Museen und anderen außerschulischen Zusammenhängen.
Warum ist es wichtig, dass sich jüngere Schüler:innen mit dem Thema Baukultur in Theorie beschäftigen und sie nicht nur baulich erfahren?
Baukultur hat viele Aspekte, nicht nur Architektur. Eigentlich geht es um alle gesellschaftlichen Relevanzen der gebauten Umwelt. Also auch um Umweltbildung und Demokratiebildung. Wenn man das Schulbuch durchblättert, sieht man, dass diese Themenvielfalt nicht nur ein Schulfach wie Kunst betrifft, sondern auch Geographie, Sachkunde und viele mehr.
Beispielsweise greift das Buch Themen wie Klimawandel und was hat das Bauen damit zu tun auf: Was trage ich dazu bei, wie meine Welt sich verändert, indem ich wohne oder mich in der Stadt mit dem Bus oder dem Fahrrad bewege? Das alles ist Baukultur und deswegen ist das Buch so breit gefächert: von Kunst über Umwelt, Politik, Nachhaltigkeit und Handwerk, Demokratie, Wirtschaft, Ethik und noch mehr.
Kann das Schulbuch Lehrer:innen oder Schulleitungen helfen hier einen Perspektivwechsel vorzunehmen?
In den Schulen gibt es oft Hemmungen, sich an Themen wie Architektur und Baukultur zu wagen. Denn leider kommt es zu wenig bis gar nicht in der Lehrer:innenausbildung vor, obwohl es in den Rahmenplänen der Bundesländer in allen Klassenstufen in verschiedenen Fächern verankert ist.
Das Buch stellt den Lehrenden Material zur Verfügung. Und es vermittelt ihnen: Baukultur ist unser aller Auftrag. Das Buch macht Vorschläge, denn viele der baukulturellen Themen sollen im Unterricht unter anderer Überschrift sowieso vermittelt werden. Mit dem Schulbuch Baukultur können Aufgaben aus der baukulturellen Bildung und auch der künstlerischen Kunstvermittlung bearbeitet werden – und zwar in allen Fächern und auch mit künstlerischen Methoden in Geographie oder Mathematik.
Du hast erzählt, dass auch Kommunalverwaltungen das Schulbuch Baukultur nutzen. Wofür?
Das ist ganz vielfältig. Teilweise verwenden sie das Buch zur Fortbildung ihrer Mitarbeitenden zum Beispiel in den Planungsabteilungen, um sie mehr zum Thema Baukultur zu schulen.
Oft fühlen sich ländliche Kommunen oder kleinere Städte, die nicht an die großen Schulbauprogramme angeschlossen sind, von Anforderungen wie Phase Null und Beteiligungsprozessen überfordert. Das Schulbuch Baukultur kann da hilfreich sein, weil wir dem Buch diese Prozesskultur vorangestellt haben und die Phase Null, wie ein roter Faden, in allen Kapiteln immer wieder vorkommt.
Wiederum andere Kommunen nehmen tatsächlich Methoden oder Aufgaben aus dem Schulbuch heraus und arbeiten damit ganz konkret.
Kapitel 3: Zoom: Beteiligung im Schulbau startet mit Phase 0
Wenn wir an Schulbau denken, nehmen Kommunen eine wichtige Rolle ein, beispielsweise um gemeinsam mit den Nutzenden auszuhandeln, wie Räume geplant werden sollen. In welcher Phase findet das statt?
Zunächst ist das die Phase Null. Oft geht es ja nicht nur darum, wie bestehende Räume umgenutzt werden können. Da hängen komplexe, schwierige Aufgaben dran, wie zum Beispiel eine ausreichende technische Ausrüstung. Ich kann deshalb nur empfehlen, auch hier alle Beteiligten an einen Tisch zu holen und dann mutig das Projekt anzugehen.
Natürlich kann so eine Phase Null anstrengend sein, es geht ja um Aushandlungen und darum, herauszufinden, was das Beste für alle ist. Aber jede Schule ist anders und braucht ein individuelles Konzept. Deshalb lohnt sich der Aufwand.
Wer sollte denn aus deiner Perspektive bei Phase Null oder auch Phase 10 einer Schulumgestaltung unbedingt dabei sein?
Meistens geht mit einem Umgestaltungs- oder Umbauprozess ein Schulentwicklungsprozess einher – das heißt, auch das Schulleben und die pädagogischen Konzepte sollen neu oder anders gestalten werden. Deswegen braucht man für eine gute Phase Null viele am Tisch: Schüler:innen, Leitung, Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeitende gehören dazu, so wie die, die für den Bau, den Betrieb und die Organisation zuständig sind, also Schulaufsicht, Schulträger, Brandschutz, Gebäudemanagement/Immobilienservice – und natürlich die Architekt:innen und Fachplaner:innen.
Diese vielen Beteiligten könnte man in einem Dreieck ordnen. Die kommunale Seite, also die Verwaltung, die Schulgemeinschaft selbst und die Planer:innen. Diese drei Bereiche müssen eng zusammenarbeiten, kommen aber aus komplett verschiedenen Welten. Es ist deshalb wichtig, dass sie eine Sprache verwenden, die von allen verstanden wird und sie miteinander ins Gespräch gehen, bzw. dass sie eine gute Moderation in der Phase Null haben. Dies alles gilt genauso für die Phase Zehn, also für die laufenden Prozesse eines Schulgebäudes im Betrieb.
Das Schulbuch soll dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche, Lehrpersonen oder auch Kommunalverwaltungen besser verstehen, was Baukultur mit uns zu tun hat und sich gerne damit beschäftigen, fasst Projektleitung Katharina Stahlhoven zusammen.
Damit möglichst viele Schulen mit dem Buch arbeiten können, suchen wir nach wie vor nach Spender:innen, die ganze Klassensätze des Buches in die Schulen bringen. Den Link zur Spende findet man auf der Homepage der Bundesstiftung Baukultur.
Katharina Stahlhoven



