Publikation

Nachgefragt – im Gespräch mit Holger Mittelstädt, Bildungsdezernent im Landkreis Oberhavel, und seiner Referentin Pervin Ammann

Impulse aus der Praxis

29.09.2026

Wie eine Schulbauleitlinie zur gemeinsamen Sprache eines ganzen Dezernats wird

 

Steigende Schülerzahlen in den weiterführenden Schulen treffen auf einen Bevölkerungsrückgang bei den Kita-Kindern, der sich als Welle durch das Bildungssystem bewegt. Der dicht besiedelte Süden trifft auf den dünn besiedelten Norden. Neue Verwaltungsstrukturen treffen auf eingespielte Gewohnheiten. Spannungsfelder im Landkreis Oberhavel, die eine konkrete Auswirkung auf die Planung von Schulbau haben. Mittendrin: Das Dezernat für Bildung, Kultur und Sport, das sich entschieden hat, nicht mehr nur zu reagieren, sondern in einem gemeinsamen Prozess eine Schulbauleitlinie zu erarbeiten, die einen Rahmen gibt und Qualität sichert – begleitet durch die Regionale Entwicklungsagentur für kommunales Bildungsmanagement (REAB) Brandenburg, wie die FaBERID gefördert durch das BMBFSFJ. Bildungsdezernent Holger Mittelstädt und seine Referentin Pervin Ammann berichten, warum dieser Weg alles andere als geradlinig verläuft, und was ihn trotzdem lohnend macht.

 

Ein Landkreis, zwei Welten und uneindeutige Prognosen

 

217.000 Einwohner:innen, 21 überwiegend weiterführende Schulen, rund 12.000 Schülerinnen und Schüler: Der Landkreis Oberhavel ist ein wachsender Landkreis, der gleichzeitig mit einem demografischen Umbruch rechnet. Doch bevor der Blick nach vorn geht, lohnt ein Blick auf die Landkarte. Im Süden, an der Grenze zu Berlin, liegen Städte wie Oranienburg, Hennigsdorf und Hohen Neuendorf, alle mit mehr als 25.000 Einwohner:innen. Die Herausforderung dort ist vor allem eine quantitative: Es braucht genug Schulplätze. Im Norden dagegen, Richtung Gransee, Zehdenick und Fürstenberg, nahe der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern, ist die Besiedlung dünn. Hier steht eine andere Frage im Vordergrund: Wie kommen die Schülerinnen und Schüler überhaupt zur Schule?

„Aus dem Norden des Landkreises kommen Stimmen, die sagen, wir fühlen uns benachteiligt. Obwohl das tatsächlich, glaube ich, was unser Engagement als Kreisverwaltung im Norden betrifft, nicht zutrifft. Aber trotz allem, es gibt so eine gefühlte Stimmung im Norden, dass die immer ein bisschen zu kurz kommen“, sagt Holger Mittelstädt, der seit gut drei Jahren als Dezernent für Bildung, Kultur und Sport verantwortlich ist. Mit diesen sehr diversen Herausforderungen müssen viele Flächenlandkreise umgehen.

Die demografische Lage im Landkreis Oberhavel hat eine eigene Dynamik. In den vergangenen zwanzig Jahren wurden der Kommunalpolitik immer wieder sinkende Schüler:innenzahlen prognostiziert, doch eingetreten sind sie nie. Das lässt sich u. a. auf einen starken Zuzug aus Berlin in den südlichen Teil des Landkreises, eine gute wirtschaftliche Entwicklung sowie auf starke Zuwanderungen auf Grund von Kriegen in Syrien und der Ukraine zurückführen. Beide Faktoren waren kaum zu prognostizieren. „Die Politik sagt: Ihr habt uns immer erzählt, die Zahlen gehen zurück, und sie sind nie zurückgegangen“, beschreibt Mittelstädt die Situation. Die Folge ist eine erhebliche Skepsis gegenüber Prognosen, gleich von welcher Seite sie kommen.

Diesmal allerdings, so die Einschätzung des Dezernats auf Grundlage der Schulentwicklungsplanung, steht der Rückgang tatsächlich bevor. Bei den Null- bis Sechsjährigen ist er bereits sichtbar, in den Kindergärten der Kommunen deutlich spürbar. Die weiterführenden Schulen werden davon ab Anfang der 2030er Jahre betroffen sein, und zwar erheblich: In einem der vier Planungsgebiete des Landkreises dürften sich die Schüler:innenzahlen in den siebten Klassen innerhalb weniger Jahre halbieren. Bis es so weit ist, liegt das Niveau allerdings noch hoch. Der Landkreis muss also kurzfristig deutlich mehr Schulplätze schaffen, die er mittelfristig nicht mehr brauchen wird. Daraus ergibt sich eine Investitionslogik, die Mittelstädt pragmatisch zusammenfasst: Einen Schulneubau, der für siebzig bis achtzig Jahre stehen soll, lasse sich so gegenüber Kommunalpolitik nicht begründen, eine Kapazitätsspitze von fünf Jahren abzudecken. Die Antwort des Landkreises sind temporäre Lösungen: etwa Raummodulanlagen, die für fünf bis zehn Jahre angemietet und nach der Richtlinie ausgestattet werden.

Im Folgenden beschreiben wir sechs Ansätze des Landkreises, die dazu beitragen die Herausforderungen anzugehen. Schritt für Schritt:

 

Ansatz 1: Neue Strukturen mit klaren Beschreibungen

 

Um den vielfältigen Aufgaben gerecht zu werden, hat der Landkreis Oberhavel seine gesamte Kreisstruktur ab 2022 grundlegend umstrukturiert. Anlass war ein Wechsel an der Spitze: Der neue Landrat verfolgt das Ziel, die Kreisverwaltung so aufzustellen, dass sie handlungsfähig für die Zukunft ist.

Konkret wurde das Dezernat so umstrukturiert, dass es sämtliche Schulangelegenheiten unter einem Dach vereint. Die Schul-IT, die zuvor beim allgemeinen IT-Fachbereich des Hauses angesiedelt war, erhielt einen eigenständigen Fachdienst. Der Schulbau wurde aus dem allgemeinen Baubereich herausgelöst.

„Verschlankt hat sich die Struktur nicht, sie ist mit den Aufgaben und weiteren hinzugekommenen Schulen gewachsen“, räumt Mittelstädt ein. „Aber die Prozesse sind genau beschrieben, und es ist klar, wer für was verantwortlich ist, zumindest theoretisch. In der Praxis gibt es natürlich Reibungen.“ Durch die Strukturveränderungen haben sich auch Abläufe, Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten verändert. Ein Exposé, das die Zusammenarbeit der Bereiche regelt und regelmäßig evaluiert und angepasst wird, soll dabei helfen, sich in den neuen Strukturen besser zurecht zu finden. Dass in der Umstrukturierungsphase viele Stellen neu besetzt wurden, habe den Übergang erleichtert: Neue Kolleginnen und Kollegen starteten direkt in den neuen Strukturen, statt sich umstellen zu müssen.

 

Ansatz 2: Klare Verantwortlichkeiten mit dem Auftraggeber-Auftragnehmer-Prinzip

 

Herzstück der neuen Struktur ist ein Auftraggeber-Auftragnehmer-Prinzip: Der Fachbereich Schulangelegenheiten prüft, welche Bedarfe bestehen. D. h. die Bildungsplanung analysiert die Schülerzahlentwicklung und identifiziert Lücken, das geschieht im Rahmen der Schulentwicklungsplanung. Dabei werden auch planungsraumspezifische Entwicklungen in den kommenden Jahren beachtet. Der Fachdienst Schulkonzeption konkretisiert anschließend, welche Räume und Kapazitäten an welchem Standort benötigt werden, in Abstimmung mit der jeweiligen Schule und ihrer Schulkonferenz. Der Fachbereich Schulbau setzt die Maßnahmen auf Grundlage der Ergebnisse um. „Dieses Planungsergebnis liegt dann auf meinem Tisch. Ich betreibe aber kein Mikromanagement“, betont Mittelstädt. „Ich habe einen sehr kompetenten Fachbereichsleiter, der für den Schulbau verantwortlich ist und für die Bewirtschaftung der Schulen, der in großer Freiheit glücklicherweise viele Dinge selbst entscheidet.“ Eigenständigkeit und Verantwortungsübernahme ist ein Schlüssel im Dezernat.

 

Ansatz 3: Realistische Ziele stecken: Schulbauleitlinie zur Qualitätssicherung

 

Die Idee, die am Anfang stand, war eine große: Als Holger Mittelstädt vor drei Jahren seine Stelle antrat, wollte er mit allen Akteur:innen im Landkreis, die mit Bildung zu tun haben, eine Bildungsleitlinie entwickeln. Schnell wurde deutlich: die kommunalen Gestaltungsspielräume im Bildungsbereich waren dafür schlicht zu begrenzt.

Statt einer umfassenden Bildungsleitlinie entschied sich das Dezernat für ein greifbareres Instrument: eine Schulbauleitlinie, die allen Mitarbeitenden Orientierung gibt. Oder genauer: einen „Leitfaden für Schulbau und -ausstattung im Landkreis Oberhavel“, der Standards für Ausschreibungen, Ausstattung, Bau und Prozesse im Schulneubau, temporären Bau und in der Schulsanierung festlegt. „Der Leitfaden soll eine Unterstützung im Arbeitsalltag sein, um zu klären, wer ist für was zuständig, insbesondere an den Schnittstellen“, erklärt Mittelstädt. Die Schulbauleitlinie soll genau festlegen, was realistisch und angemessen ist, und damit auch eine belastbare Grundlage gegenüber der Politik und Auftragnehmern bieten.

Bei der Erarbeitung bieten die die Dresdner und die Berliner Schulbauleitlinie Orientierung, die der Landkreis als Grundlage heranzieht und für seine Verhältnisse adaptiert. Das Ziel ist ein Dokument, das konkrete Funktionsbeschreibungen enthält: Wie sieht ein Klassenraum aus, ein Technikraum, ein Gruppenraum? Welche technische Ausstattung gehört dazu?

Eine einheitliche Ausstattungsleitlinie und Schulbauleitlinie hilft dem Landkreis auch dabei, Transparenz zu schaffen und deutlich zu machen, dass im Norden und Süden von Oberhavel die gleichen Qualitätsstandards angesetzt werden. Damit reagiert das Dezernat auch auf das Gefühl der Ungleichbehandlung innerhalb des Landkreises.

 

Ansatz 4: interner Entwicklungsprozess mit externer Begleitung

 

Die Erarbeitung der Schulbauleitlinie ist ein interner Prozess, der sich bewusst von innen nach außen bewegt. Noch ist der Prozess nicht abgeschlossen. In der aktuellen Phase arbeitet das Dezernat mit den Fachbereichsleitungen, Fachdienstleitungen und bei Bedarf Teamleitungen, Gleichstellungsbeauftragte usw. zusammen, also mit jenen, die in der täglichen Arbeit unmittelbar betroffen sind. Mittelstädt erzählt, dass ihm im Prozess deutlich wurde, wie lange es dauert und wie ermüdend es auch sein kann, wenn so viel unterschiedliche Akteur:innen zusammen an einem Papier arbeiten. Im Ergebnis sei es aber besser, weil die Chance auf tatsächliche Umsetzung steige. Zudem hat ihn die Regelungstiefe erstaunt, die der Schulbau erfordere, das sei kaum zu überschätzen: „Am Anfang denkt man, man baut ein paar Klassenräume und ein paar Fachräume, und damit hat es sich.“

Bei diesem komplexen Prozess wird der Landkreis von der REAB Brandenburg durch regelmäßige Workshops begleitet. Diese bringt nicht nur den Blick von außen mit, sondern auch viel Struktur und Verbindlichkeit in den Prozess. Zwischen den Workshops finden zusätzliche interne Abstimmungen in kleineren Gruppen statt. Die Koordination liegt bei Referentin Pervin Ammann, die Deadlines im Blick behält und Zuarbeiten einfordert.

 

Ansatz 5: Schnittstellen definieren

 

Dass in einem Prozess, der gewachsene Arbeitsweisen hinterfragt, nicht alles reibungslos läuft, versteht sich von selbst. In den Workshops treffen unterschiedliche Fachdienste aufeinander, die beispielsweise am selben Schulneubau arbeiteten, ohne ihre Schnittstellen systematisch abgestimmt zu haben. Da wird schon mal über die Platzierung einer einzelnen Steckdose gestritten. Ammann sieht darin weniger ein Problem als einen Indikator: „Ich merke, da sind unsere Schwachstellen, und das sind vor allem die Schnittstellen, da müssen wir ran.“ Mit der Schulbauleitlinie schafft der Landkreis ein praktikables Instrument, das den Mitarbeitenden die Arbeit erleichtert und als Handlungsrichtlinie zu verstehen ist. Hier können sie nachschlagen: Wofür ist der Fachdienst IT verantwortlich und was macht Schulbau und Ausstattung? Wie statten die eigentlich aus? Haben die irgendwelche Grundlagen? Wie werden die Schulhausmeister ausgestattet? Was ist mit unseren Sekretariaten? All das kann nachgelesen werden. Es hilft dem Dezernat nicht nur intern, sondern auch bei der transparenten Kommunikation über die eigenen Standards nach außen – zu den Schulleiter:innen beispielsweise.

 

Ansatz 6: Beteiligung von innen nach außen

 

Wenn die Schulbauleitlinie fertig ist, folgt die zweite Phase: die politische und öffentliche Beteiligung. Der Bildungsausschuss wird sich mit der Leitlinie befassen, in welchem Format genau, ist noch offen. Vorgesehen ist außerdem eine Kinder- und Jugendbeteiligung, die von der Kinder- und Jugendbeauftragten des Landkreises gemeinsam mit einem externen Partner organisiert wird. Darüber hinaus soll die Leitlinie in Dienstberatungen und Informationsveranstaltungen an alle Beteiligten herangetragen werden: an Schulleitungen, Schulhausmeister, Sekretariate.

Für die Schulleiterinnen und Schulleiter dürfte sich vor allem eines ändern: die Kommunikation mit der Kreisverwaltung. Bislang konnte es vorkommen, dass verschiedene Fachdienste unterschiedliche Informationen an eine Schule gaben, zum Beispiel über Zuständigkeiten bei Kabelverlegungen oder technischer Ausstattung. Die Leitlinie soll sicherstellen, dass der Landkreis nach außen mit einer Stimme spricht.

 

Der Landkreis Oberhavel wird im Fachnetzwerk für kommunales Bildungsmanagement durch die REAB Brandenburg begleitet: Landkreis Oberhavel – REAB Brandenburg