Publikation

Nachgefragt – im Gespräch mit Andreas Weingart und Jessica Ruhland von Outreach.Berlin und Tina Hofmann vom Bezirksamt Pankow 

Impulse aus der Praxis

18.09.2026

Im Juni 2024 wurde in der Parkanlage im Ilsenburggraben in Berlin-Blankenburg ein mobiler Seecontainer als Aufenthaltsort für Jugendliche aufgestellt.

Warum werden Jugendorte gebraucht? Was macht sie aus? Wieso ist es immer noch schwierig, Orte für Jugendliche im öffentlichen Raum zu schaffen? Und wie war der Prozess in Pankow?

Wir haben mit Tina Hofmann vom Bezirksamt Pankow von Berlin, Abteilung Jugend und Familie, Fachdienst 1 – Allgemeine Förderung von jungen Menschen und Familien, Fachstelle Kinder- und Jugendbeteiligung und politische Bildung sowie Andreas Weingart und Jessica Ruhland vom Träger Outreach.Berlin gesprochen.

Blankenburg ist ein dörflich geprägter Ortsteil des Bezirks Pankow in Berlin mit ca. 6800 Einwohner:innen.

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Tina Hofmann, Bezirksamt Pankow
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Jessica Ruhland, Outreach.Berlin
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Andreas Weingart, Outreach.Berlin
Was versteht ihr unter Jugendorten?

 

Junge Menschen werden oft als störend wahrgenommen: zu laut, zu unangepasst, zu dreckig. Dabei brauchen auch Jugendliche Orte, an denen sie sich treffen und einfach sie selbst sein können.

Aus Kinderspielplätzen sind sie meist rausgewachsen und nicht alle wollen sich in ihrer Freizeit zum Skaten, Fußball- oder Tischtennis spielen treffen. Gebraucht werden deshalb konsumfreie Aufenthaltsorte, die an die Bedürfnisse der jungen Menschen angepasst sind:

Jugendorte müssen dabei nicht unbedingt mit einem pädagogischen Programm bespielt oder betreut werden, wie beispielsweise Jugendclubs. Einige Jugendliche möchten lieber auch mal ohne Erwachsene unter sich sein, an einem Ort, an dem sie sein dürfen. Dabei haben sie keine großen Ansprüche, der Ort sollte aber gut erreichbar sein und sich nicht in einer dunklen Ecke befinden, Erwachsene in Reichweite bieten den Jugendlichen Sicherheit. Sie brauchen Sitzmöglichkeiten, Mülleimer und einen Regenschutz. Im Idealfall befindet sich außerdem ein Supermarkt, Kiosk oder ähnliches in der Nähe, um kleine Snacks kaufen und im besten Fall auf Toilette gehen zu können.

 

Wozu braucht es explizite Jugendorte?

 

„Die Jugendlichen mussten sich den Ort hart erkämpfen,“ erzählt Andreas Weingart. Neben Eltern mit Kindern, beanspruchten auch andere Erwachsene den Container immer wieder für sich und wollten die Jugendlichen verdrängen.

Gut wäre deshalb eine Plakette oder Schild, wie bspw. bei Spielplätzen, die den Ort explizit und offiziell als Jugendort auszeichnet. Diese Kennzeichnung würde es den Jugendlichen ermöglichen, zu sagen: Das ist unser Ort. Ihr seid zu alt oder zu jung. Lasst uns diesen Raum, erklärt Tina Hofmann.

In Pankow wurde sich auf Bezirksamtebene im letzten Jahr darauf geeinigt, solch ein Jugendorteschild gemeinsam mit Jugendlichen zu entwickeln. Mittlerweile wurde ein erster Entwurf unter Beteiligung junger Menschen entwickelt. Dieser befindet sich aber noch in Abstimmung innerhalb des Bezirksamtes. Dass der Prozess stockt, bedauern die Kolleg:innen vor Ort.  Denn solang ein klarer Hinweis darauf fehlt, dass dies ein Ort explizit für Jugendlich ist, bleibt für Jugendliche schwierig, den Platz zu verteidigen.

 

Was soll sich durch Jugendorte verändern?

 

Durch Jugendorte haben junge Menschen einen Raum, an dem sie sein dürfen. Sie haben eine Anlaufstelle, die auf sie zugeschnitten ist. Jugendorte sind damit eine Alternative zu Angeboten von rechtsextremen Gruppierungen im Quartier. „Durch den Jugendort wissen wir, wo die Jugendlichen sind, und können besser mit ihnen ins Gespräch komme“, sagt Jessica Ruhland. Auf diese Weise erfahren die Streetworker:innen, was die Jugendlichen bewegt und wie es ihnen geht.

Der Container in Pankow steht den Jugendlichen immer offen. Ab und zu kommen die Streetworker:innen von Outreach vorbei und sagen „hallo“. Einmal in der Woche macht der Träger ein offenes Angebot für die Jugendlichen, dann bringen sie beispielsweise einen Grill mit, Liegestühle und natürlich auch Getränke und Grillgut.

Da es nun einen Ort speziell für Jugendliche gibt, kommt es andernorts weniger zu Zerstörung, Vermüllung und Konflikten im öffentlichen Raum.

 

Was genau macht die Umsetzung von Jugendorten so herausforderungsvoll?

 

Offizielle Jugendorte sind eine gute Lösung, um für diese Gruppe einen sicheren Ort im öffentlichen Raum zu schaffen. Jugendorte gibt es offiziell aber nicht, es gibt keine Rechtsgrundlage, erklärt Tina Hofmann. Die Schaffung von Jugendorten hängt deshalb sehr von der kommunalpolitischen Lage, den verschiedenen Ämtern und der Kreativität der Mitarbeitenden ab, solche Orte trotzdem möglich zu machen.

„Als Jugendamt sehen wir uns hier als Vermittler und Anwalt der Jugendlichen“, sagt Tina Hofmann. Dazu gehört auch, immer wieder neue Vorschläge zu machen, um Kompromisse und Möglichkeiten zur Schaffung von Jugendorten zu finden. Eine gute Kooperation beispielsweise mit dem Straßen- und Grünflächenamt ist ihr sehr wichtig.

 

Wie ist der Prozess in Pankow abgelaufen?

 

Um den Jugendort in der Parkanlage im Ilsenburggraben zu initiieren hat Outreach.Berlin eine Anfrage an das Straßen- und Grünflächenamt Pankow gestellt. Da das Amt nach einem vorgeschriebenen Produktkatalog agiert, in dem Jugendorte nicht vorkommen, war der Aushandlungsprozess langwieriger und schwieriger als gedacht.

Das Jugendamt hat das Vorhaben von Outreach von Anfang unterstützt. Da das Schaffen von Jugendorten aber nicht in ihr Ressort fällt, sind auch sie auf die Zusammenarbeit mit den anderen Ämtern angewiesen, erzählt Tina Hofmann.

Die Kolleg:innen vom Jugendamt haben eine Mittlerrolle übernommen: Kontakte innerhalb der Verwaltung hergestellt, alle relevanten Ämter an einen Tisch gebracht, Vor-Ort-Termine organisiert und protokolliert. Das war eine sehr große Hilfe, betont Andreas Weingart.

Insgesamt hat die Umsetzung des Jugendortes eine Planungs- und Vorbereitungszeit von vier Jahren gebraucht. Jetzt gibt es einen Vertrag mit dem Straßen- und Grünflächenamt: Einmal im Monat fertigt Outreach ein Protokoll darüber an, wie der Container aussieht und ob etwas kaputt ist. Einmal im Jahr darf der Container mit den Jugendlichen neu gestaltet werden.

 

Welche Momente und Kriterien waren zentral für das Gelingen des Vorhabens?

 

Eine wichtige Argumentationsgrundlage für die Umsetzung des Jugendortes war die Umfrage „Jugendorte in Berlin 2023. Mehr als Spiel- und Sportflächen“ der Träger Outreach.Berlin und Gangway e.V., in der sie Jugendliche aus Berlin zu ihren Wünschen und Bedarfen befragt haben.

Auch das Einbeziehen der Anwohner:innen hat zum Gelingen beigetragen. „Uns war das wichtig“, erzählt Andreas Weingart. Outreach hat deshalb den Runden Tisch Blankenburg, eine Arbeitsgemeinschaft von Blankenburger Initiativen, sozialen Einrichtungen und engagierten Bürger:innen, ins Boot geholt, die das Vorhaben positiv aufgenommen haben. Die vielseitige Unterstützung für das Projekt hatte auch eine Auswirkung auf die Politik und das Projekt kam zunehmend ins Rollen.

Ein weiterer Schlüssel zum Gelingen war der Container selbst – er ist rückbaubar und beweglich, so werden keine Flächen dauerhaft versiegelt. Außerdem musste der Bezirk nur den Transport finanzieren, weil Outreach den Container schon hatte und sich um die Schweißarbeiten kümmerte.

 

Wie geht´s weiter?

 

Tina Hofmann und Andreas Weingart sehen Berlin auf einem guten Weg, die Bedarfe von Jugendlichen ernster zu nehmen. Mittlerweile sind in Pankow einige Jugendorte entstanden und das Jugendamt ist oft fest in die Planungsprozesse mit dem Stadtentwicklungsamt und dem Straßen- und Grünflächenamt involviert. Die beiden möchten sich weiterhin für eine offizielle „Jugendort“-Ausweisung einsetzen und wünschen sich, dass „Jugendorte“ in den Produktkatalog der Verwaltung aufgenommen werden. Das würde Prozesse vereinfachen und Verwaltungen entlasten.